Hiltraut´s Briefe


Ein Schutzengeltag

 

 

Im Sommer 1950 war ich dreizehn Jahre alt und konnte nicht schwimmen. Das ist für Kinder, die an der Nordsee aufwachsen, aus heutiger Sicht ziemlich unverständlich. Die meisten meiner Artgenossen damals konnten sich wie ich ein paar Meter über Wasser halten, aber als schwimmen konnte man das wirklich nicht bezeichnen. Aus unserer Elterngeneration gab es meines Wissens auch niemand, der das erlernt hatte. So fehlte einesteils die Motivation, andererseits gab es nie Schwimmunterricht. Wenn man zum Fischen ins Wattenmeer ging, mußte man eben so gut Bescheid wissen, um rechtzeitig zurück zu sein. In einer anderen Geschichte habe ich schon beschrieben, das unsere Schule in jedem Jahr einen neuen Lehrer bekam. An einem wunderschönen Sommertag bekamen wir nun von besagtem Lehrer, Herrn Haese gesagt, am Nachmittag sollte mit ihm eine Wattwanderung stattfinden. Alle Kinder, die von ihren Eltern die Erlaubnis bekamen, sollten sich zu einer bestimmten Zeit am Deich einfinden. Da er aus Ostpreußen stammte und die Gegebenheiten wohl nicht so gut kannte, hatte er sich bei einigen Einheimischen erkundigt.

 

Als wir vollzählig waren, ging es mit Hallo ins Watt. Es war tiefe Ebbe und die Priele waren nur ein Rinnsal, die meisten Kinder haben diese gar nicht als Wasserlauf angesehen. Ich kannte mich besser aus, weil ich schon oft mit dem Opa zum Krabbenfischen im Watt unterwegs war.

 

Eigentlich unbewußt hatte ich mir gemerkt, das wir durch drei Priele gegangen waren. Die Zeit verging mit Spielen und Burgen bauen wie im Flug, doch irgendwann wurde ich unruhig. Ich fragte Herrn Haese nach der Uhrzeit und kurz darauf ertönte seine Trillerpfeife: Wir machten uns gemeinsam auf den Rückweg, nur zwei Jungen, etwa zehn Jahre alt, konnten sich von unserer Spielstelle schlecht trennen. Wir anderen waren schon ein Stück voraus, aber es hatte dadurch eine Verzögerung gegeben. Durch die kleineren Priele zurück ging alles gut, aber ich wußte, das der letzte Priel tiefer war. Ich hatte einen Jungen und ein Mädchen aus dem ersten Schuljahr an der Hand und achtete außerdem auf meinen siebenjährigen Bruder. Am letzten Priel angekommen wartete ich kurz, bis mein Bruder auf der anderen Seite aus dem Wasser stieg. Die Strömung war schon stark, als ich mit den beiden Kleinen ins Wasser ging. Ich brachte sie zur anderen Seite, aber es war eine Steilkante, sie kamen alleine nicht hoch und ich konnte keines loslassen. Ich rief ein Mädchen zur Hilfe und sie nahm mir das das Mädchen ab. In dem Moment, als ich den Jungen hochhob, zog mir die Strömung auf dem weichen Wattboden die Beine weg und wir trieben ab. Was dann passierte, wurde mir später erzählt, jedenfalls hat der Kleine nicht einmal Wasser geschluckt, weil ich es schaffte, seinen Kopf über Wasser zu halten. Allerdings war meine Ausbeute an Nordseewasser umso nachhaltiger, das hat mir für den Rest meines Lebens gereicht.

 

Herr Haese versuchte uns zu holen, aber er bekam einen schlimmen Krampf im Bein und hatte Mühe, selbst wieder auf festen Boden zu kommen. Zur gleichen Zeit waren zwei junge Männer auf dem Rückweg an Land, aber schon eine Strecke vor uns. Einer von ihnen hatte eine D.L.R.G. Ausbildung, ihm waren die Kinder aufgefallen. Er hatte sich öfter umgesehen und sagte plötzlich zu seinem Freund: „Los komm, da stimmt was nicht!“ Im Dauerlauf rannten sie zum Priel zurück, liefen aber klugerweise noch ein Stück mit der Strömung, damit ich ihm entgegenkam. Er holte uns beide zusammen raus, schon im Wasser wollte er den Jungen abnehmen, es war nicht möglich, ich habe ihn einfach nicht losgelassen! Das Erste, was mir wieder bewußt wurde, war mein Schreien. Im ersten Moment dachte ich, wer schreit da so laut. Irgendwann verstand ich dann auch, das der junge Mann mir dauernd etwas sagte; du mußt laufen, du mußt laufen, auch wenn die Beine wehtun, wir müssen vom Wasser weg! Endlich an Land bekam ich von einem Mädchen eine Wolldecke und konnte mich ausruhen. Als ich mich einigermaßen stabil fühlte, bin ich mit meinem Bruder nach Hause gegangen. Die nächsten Tage konnte ich mein Bett kaum verlassen, mir tat einfach alles weh.

Herr Haese besuchte mich zwei Wochen lang jeden Nachmittag, bis ich wieder zur Schule ging, aber die ganzen nächsten Jahre bekam ich seine unauffällige Zuwendung, bis ich erwachsen war!

 

 

Hiltraut W.       17.01.2013

 


Ein Brief an meinen Schutzengel.

 

 

Mein lieber Engel, da du sicherlich auch mein Schutzengel bist, nutze ich heute die Gelegenheit, mich auch einmal schriftlich bei dir zu bedanken. Oft mache ich das auch abends in Gedanken vor dem Einschlafen, aber manchmal vergesse ich es auch. In meiner frühen Lebenszeit hast du mich schon öfter einmal vor Schaden bewahrt und mich aus gefährlichen Situationen gerettet. Damals wußte ich nach nichts von dir, später ist mir durch andere, besondere Erlebnisse bewußt geworden, das ich auf meinem Weg geleitet und begleitet werde.

 

Erinnerst du dich an das folgende Erlebnis? Ich denke, bestimmt so gut wie ich.

 

 

Im Alter von elf Jahren ging ich mit meinem Großvater bei Niedrigwasser ins Watt  zum Krabben fangen. Wir hatten ein großes Netz dabei, dies war an einem Holzstiel befestigt, zwei Körbe hingen an einer Trage, die wurde auf den Schultern transportiert. Ich erinnere mich an warmen Sonnenschein, als  wir uns barfuß auf den Weg machten. Mein Großvater lief etwas mühselig auf unserer Kiesstraße und wunderte sich über mein flottes Tempo. Ich war allerdings schon die ganzen Sommerferien über ohne Schuhe unterwegs. An diesem Tag waren wir die meiste Zeit in Prielen und tiefen Wasserlöchern unterwegs, ohne andere Leute zu treffen. Unsere Ausbeute war sehr mager, so beschloß mein Großvater, wir sollten uns auf den Rückweg machen. Kurze Zeit später trafen doch noch eine Frau aus dem Dorf, sie wollte gerne mit uns zu einem anderen Platz, sie versprach sich davon einen besseren Fang. Wir haben dort auch Krabben gefischt, so das unsere Körbe besser gefüllt waren. Die Nachbarin wollte noch bleiben, aber ich merkte, mein Großvater wurde sehr unruhig. So machten wir uns zu dritt auf den Rückweg. So etwa auf halber Strecke überraschte uns der Seenebel, der mit dem auflaufendem Wasser in Richtung Küste zog. Innerhalb weniger Minuten war alles gleichmäßig grau. Der Wattboden, derHimmel, alles war ohne Konturen und die Küstenlinie nicht mehr auszumachen. Die Nachbarin kannte sich zwar gut aus, aber auch sie mußte Umwege suchen. Irgendwann fragte Großvater mich, ob ich noch laufen könnte. Ich habe ihm sehr bestimmt geantwortet: “Oh ja, ich kann noch tüchtig laufen!“ Ich hatte aber sehr gut verstanden, das es um unsere Rettung ging. Nach einem endlos erscheinenden Zeitraum stolperten wir gegen eine Graskante, krochen auf Knien hinauf und waren gerettet. Wir waren im Außendeichsgelände angelangt, allerdings einige Kilometer nördlich von unserem Dorf. Erschöpft aber glücklich wurde auch diese Strecke noch bewältigt. Aus der Entfernung sahen wir Lichter, die sich bewegten. Als wir näher kamen, erkannten wir meine Mutter und Nachbarn, die Stalllaternen schwenkten.

 

Ich weiß, meine Mutter wird die restliche Nacht, dir lieber Schutzengel und allen Engeln von ganzem Herzen gedankt haben!

 

Hiltraut W.        24.03.2011

 

Erlebnisse aus der Kindheit einer lieben Freundin

Hiltraut W. hat ihre Kindheit in Spieka - Neufeld an der Wurster Küste verbracht  und hat schon früh die Gefahren des Wattenmeeres kennen gelernt. Ihre Kindheitserlebnisse hat Sie in Form von Briefen nieder geschrieben und mir zur Verfügung gestellt.            

Danke liebe, Hiltraut